Blick von der Bühne
Blick von der Bühne auf den Gendarmenmarkt

Bedienoberfläche

Welche Bedienoberfläche für ein Digital Mischpult optimal ist, hängt natürlich auch vom Anwendungszweck ab. Im Vorfeld der PM10 Entwicklung haben die Yamaha Entwickler natürlich auch eine große Anzahl von Anwendern zu diesem Thema befragt. Naturgemäß bekommt man da unterschiedliche Antworten, je nachdem ob man Theater-Tonmeister oder im Live-Sound-Bereich FOH- oder Monitor-Toningenieure befragt, um hier nur einige zu nennen. Die Konsequenz für das Yamaha Entwicklungsteam bestand darin, die Bedienoberfläche des neuen PM10 Mischsystems flexibel konfigurierbar zu machen.

Tonmeister Manfred Bamberg
Tonmeister Manfred Bamberg an der Yamaha PM10 FOH-Konsole

Screens, Center-Modul, die drei Bays und der externe Bildschirm können gekoppelt, aber auch vollkommen voneinander getrennt werden. Der Anwender kann also anhand seiner aktuellen Anforderungen entscheiden, welche Bedien- und Anzeigeelemente zusammenhängen oder voneinander getrennt arbeiten sollen.

Computersimulation des Bass-Arrays in der d&b ArraCalc-Software (Grafik: Ben Stiller)
Computersimulation des Bass-Arrays in der d&b ArraCalc-Software (Grafik: Ben Stiller)
Recorder.1
Dante-fähiger Mehrspurrecorder Recorder.1

Das geht bei der PM10 soweit, dass man die Konsole aufsplitten kann, so dass auf der linken und rechten Hälfte des Pultes zwei Tonleute praktisch unabhängig voneinander arbeiten können. Trotz all dieser Flexibilität sind die Bedienabläufe so angelegt, dass Tonleute, die Yamaha Mischpulte von der M7CL-Konsole an kennen, sich sehr schnell mit der Pultbedienung zurechtfinden, sobald erst einmal die initiale Einrichtung erfolgt ist.

Für das Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt kommen insgesamt zwei PM10 Bedienkonsolen – eine am FOH und eine als Monitorpult neben der Bühne – zum Einsatz, dazu vier I/O-Einheiten, von denen drei in der Nähe des Monitorpultes am seitlichen Bühnenrand platziert wurden und eine in der d&b Leistungsverstärker-Sektion.

Beschallung

Die Beschallung für eine Veranstaltung mit klassischem Orchester ist immer eine gewisse Herausforderung, weil man in aller Regel nicht möchte, dass ein „Groß-PA“-Lautsprecher-Sound klanglich in den Vordergrund tritt, wie er bei Rockkonzerten eventuell sogar erwünscht ist. Bewährte Gegenmaßnahmen bestehen darin, hochwertige Lautsprecherkomponenten einzusetzen, die mit einem möglichst neutralen Klangbild aufwarten können, und diese mit einem gewissen Headroom zu betreiben. Auf diese Weise halten sich beispielsweise Kompressionstreiberverzerrungen im Rahmen, wie sie beispielsweise bei PA-Systemen im Grenzlastbereich auftreten können. Darüber hinaus ist es die Aufgabe des FOH-Ingenieurs, den Mix so zu gestalten, dass trotz der klassik-unüblichen Umgebung ein Klangbild entsteht, das die Zuhörer im Publikum als den Klang akustischer Instrumente identifizieren.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist natürlich zudem, auf die örtlichen akustischen Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen, damit nicht etwa unerwünschte Reflexionen oder Fokussierungseffekte die Tonarbeit unnötig erschweren. Im städtischen Umfeld, wie im vorliegenden Fall mit einer direkt angrenzenden Wohnbebauung, gilt es natürlich zum einen, Reflexionen oder Echos von Häuserfassaden in Grenzen zu halten und zweitens natürlich die Schallemissionswerte einzuhalten, die von Ordnungsbehörden für die Veranstaltung akzeptiert werden.

Die Anwesenheit vieler Schallquellen auf der Bühne stellt natürlich zusätzlich die Herausforderung an die Tontechnik, die räumliche Quellenverteilung beschallungstechnisch nicht auf eine zweidimensionale Wiedergabe zu komprimieren, sondern vielmehr weitestmöglich zu erhalten. Dies ist auf dem Gendarmenmarkt insofern eine anspruchsvolle Aufgabe, als dass die für eine gute Lokalisation günstigen Hörerplätze auf der Mittelachse vor der Bühne gar nicht mit Publikum besetzt sind.

Als Besonderheit weist der Gendarmenmarkt ja das Schiller-Denkmal in brunnenartiger Aufmachung auf, das unkomfortablerweise mehr oder weniger direkt vor der Bühne steht. Um zu vermeiden, dass es dem Publikum die Sicht auf die Bühne versperrt, werden traditionell keine Publikumsplätze im „Abschattungsbereich“ dieses Brunnens eingerichtet, wie es auch auf den Abbildungen zu erkennen ist.

Der Ansatz, den die Toningenieure von TSE daher in diesem Jahr ebenso wie in den Vorjahren verfolgten, bestand darin, die (Mikrofon-)Signale der einzelnen Quellenbereiche auf der Bühne mit individuellen Delays zeitlich so zu staffeln, dass die Beschallungssysteme quasi als zeitlich passende Delaysysteme für diese Quellen fungieren. Das kann man als eine Annäherung an den Grundgedanken der Delta-Stereophonie verstehen, obwohl hier natürlich nicht alle weiteren Aspekte durchgehend implementiert sind. Das ist auch gar nicht die Absicht des Tontechnikteams gewesen, zumal man für diesen Zweck vermutlich noch Quellensimulationslautsprecher auf der Bühne benötigt hätte. Vielmehr ging es eher darum, im FOH-Mix die Quellensignale so anzuordnen, dass sie zur Geometrie der Quellenanordnung auf der Bühne und zur Platzierung der Lautsprechersysteme passten. In der Konsequenz ergibt sich tatsächlich eine Verbesserung der beschallungstechnischen Abbildung des Orchesters auf der Bühne, weshalb dieses Konzept für das Classic Open Air auch schon seit Jahren so eingesetzt wird.

Audio-Team
Gruppenbild mit dem Audio-Team

Als Haupt-Lautsprechersystem kam in diesem Jahr ein Line-Array-Aufbau aus d&b-Systemen zum Einsatz sowie zusätzlich die ArrayProcessing-Funktion in der ArrayCalc-Software von d&b, die durch individuelle Ansteuerung der einzelnen Systeme eine bessere Homogenität der Klangverteilung auf den Publikumsflächen bewirkt. Darüber hinaus wurde aus den 14 V-Subs unter der Bühne ein horizontal gecurvtes Bass-Array gebildet, um die Pegelverteilung im Tieftonbereich an die Publikumszonen anzupassen und die Schall¡emissionen in die Wohnbebauung in Grenzen zu halten.

Da sich im späteren Verlauf des Konzertes erfahrungsgemäß doch eine Reihe von Zuhörern vor der Bühne versammelt, sind um den Brunnen herum zusätzlich drei Kompakt-Line-Arrays vom Typ Föön Clia als Ground-Stacks installiert, die sozusagen als Near-Fills arbeiten und dafür sorgen, dass in der Mitte klanglich kein Loch entsteht. Im Endergebnis hatte man tatsächlich eine sehr gute Versorgung aller Publikumsbereiche von den bühnennahen bis zu den entfernt liegenden Plätzen.

Zusammenfassung

Mit dem Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt in Berlin hat das Yamaha Rivage PM10 Mischsystem sozusagen noch eine weitere Feuertaufe bestanden, diesmal im Bereich Klassik in Kombination mit moderner Musik. Wichtig waren hier umfangreiche Signalbearbeitungsfunktionen sowie die Verwaltung sehr vieler Signale bei dennoch komfortabler Benutzeroberfläche. Beschallungstechnisch ist das Konzept von TSE aufgegangen – die Lautsprecherkonfiguration sorgte zusammen mit der Delta-Stereo¡fonie-artigen Einrichtung von Hauptbeschallung und Delaysystemen für guten Sound und eine verbesserte Abbildung der Quellenverteilung auf der Bühne auch für die ungünstiger gelegenen Hörerplätze auf dem Gendarmenmarkt.