EV X-LineDie zum Bosch-Konzern gehörige Firma Electro Voice hat unmittelbar vor der Prolight +Sound zwei neue Line-Array-Systeme vorgestellt. Das X-Line-Element ist mit einem 12-Zöller und zwei Horn/ Treiberkombinationen bestückt. Beide Wandler wurden von EV ganz neu konzipiert und liefern auf eine neuartige Weise die für Line Arrays erforderliche kohärente und ebene Wellenfront.

Schon auf dem Foto des kompletten Systems kann man beim untersten Array-Element links eine kästchenförmige Struktur erahnen, die sich, wie auf den Detailfotos zu sehen, tatsächlich als zentraler Bestandteil der Schallführung für den Tiefmitteltöner entpuppt. Diese Schallführung ist eine Kombination aus Phase-Plug für die Konusmembran und Waveguide, die den Schallfluß des 12-Zöllers so kanalisiert, dass die Schallaustrittsöffnungen des Waveguides nicht das natürliche Abstrahlverhalten eines 12″-Chassis aufweisen, sondern so abstrahlen wie ein Array aus 2×4 3″-Chassis.

Das kommt einem auf den ersten Blick ungewohnt vor, ist aber im Grunde das, was praktisch alle Line-Arrays im Hochtonbereich machen müssen. Sie setzen nämlich den Output einer relativ großen Membran mit Phase-Plug und Druckkammer auf eine relativ schmale, rechteckförmige Schallaustrittsfläche um – nur eben hier für einen 12-Zöller und den Mitten-/Tiefmitten-Bereich und dort für die Membran eines Kompressionstreibers und den Hochtonbereich.

Letztendlich entsteht so auch für den Mittenbereich eine rechteckige Schallaustrittsfläche, die fast so hoch ist wie das Arrayelement. Im Array arbeitet das Element darüber und darunter genauso, so dass letztendlich ein durchgehender Beugungsspalt entsteht, der vom obersten bis zum untersten Element durchläuft. Somit erhält man auch für die Mitten eine durchgehende, kohärente Abstrahlung. Das ist schon eine schlaue Art, an die Anforderungen eines Line Arrays heranzugehen.

Aber die Schallführung des Hochmitteltöners hat mich doch sehr überrascht, weil Electro Voice hier auf etwas ganz Neues und Originelles gekommen ist, was aber so einfach und einleuchtend ist, dass es eigentlich jeder schon längst hätte machen können. Wir kennen doch die Hochton-Waveguides bei Line-Arrays, die durch gebogene Lamellen die Laufwege der von der Schallaustrittsfläche des Treibers abgestrahlten Schallanteile so verzögern, dass sie vorn alle gleichzeitig als praktisch flache Wellenfront ankommen.

EV-X-Line Detailaufnahme
Hier erkennt man die Stäbchen (Pins), die durchgehende Leiste und die Hornkontur der beiden Hochtontreiber

Diese Lamellen-Waveguides sind kompliziert in der Entwicklung und Herstellung und sie sind schwer und auch teuer. Beim X-Line sind im Übergang vom Treibermund zum Beugungsspalt vorn am Horn eine Unmenge von dünnen Stäbchen quer zur Ausbreitungsrichtung eingesetzt. In dem mit Stäbchen besetzten Bereich ist die Schallgeschwindigkeit durch Schallstreuung an den Pins effektiv niedriger als in Luft ohne Pins. Durch eine entsprechende Verteilung der Pins kann man also erreichen, dass der Schall auf seinen verschiedenen Wegen so verzögert wird, dass wiederum alle Schallanteile gleichzeitig als ebene Welle vorn am Spalt ankommen.

EV X-Line Wellenführung vor dem Tiefmitteltöner
Blick auf die Wellenführung vor dem Tiefmitteltöner.

Der Vorteil ist: Man braucht eben nur diese Pins und keine komplizierte 3D-Lamellenstruktur, die sehr aufwändig zu fertigen ist. Die einzelnen Stäbchen sind mit ihrer Stärke von ca. 2-3mm für den Schall völlig unsichtbar. Bei 10kHz müssten sie schon fast einen Zentimeter dick sein, um bei λ/4 wirksam zu sein.

EV X-Line Simulation der Schallführung
Das ist die Simulation der Schallführung durch die mit Pins bestückte Waveguide. Wichtig ist die gerade Front genau vor dem Horn und die leichte Abschrägung oben und unten. Diese Abschrägungen verbinden sich mit denen der Hörner drüber und drunter und addieren sich schliesslich wieder zu einer ebenen Wellenfront. Wäre die Front oben und unten auch grade, dann hätte man an den Nahtstellen zwischen den Elementen immer einen deftigen Peak, der sich über die ganze Wurfweite des Systems fortsetzt, weil er die jetzt nicht mehr zylindrische Wellenfron in einzelne Sektionen zerteilt. Bei solchen Bildern darf man sich nie von der Geometrie des einzelnen Line Array Elements irreführen lassen, sondern man muss immer die anderen Elemente mit einbeziehen.

Die beiden Wandler-Arrays für Tiefmitten und Hochton liegen natürlich asymmetrisch nebeneinander, aber das ist kein Problem, weil bei FIR-Filtern der Übernahmebereich extrem klein ist. Die beiden Frequenzbänder verschmelzen in Richtung Hörraum schon recht schnell miteinander, ohne Interferenzen zu erzeugen. Zu mehr reicht es platzmäßig jetzt nicht.

Noch ganz kurz: Das Rigging ist interessant. Stichworte: „Schnell“, „Einfach“, „Man kann sich die Finger nicht klemmen“ und „Man muss kein Muskelprotz sein“. Das System ist ganz klar „Ein-Mann-Fähig“.