DPA d facto II – Gesangsmikrofon der Spitzenliga

Das DPA d:facto II spielt preislich in der Spitzenliga. Kann es auch durch seinen Sound überzeugen? Wir testen das Gesangsmikrofon!

Was wäre wenn …? Ja, was wäre, wenn es auf der ganzen Welt als einziges Bühnen-Gesangsmikrofon nur das SM 58 gäbe und sonst gar nichts?

Antwort: Alles wäre so, wie es jetzt auch ist, niemand würde sich irgendwie aufregen, nur die Soundarbeit bei der Stimmwiedergabe wäre etwas aufwendiger. Aber davon würde auch die Welt nicht untergehen, weil man es ja gar nicht anders kennen würde.

Das DPA d:facto II und die Welt der Mikrofone

DPA d:facto II Gesangsmikrofon
DPA d:facto II: Die dickere Stelle hinter dem Kopf dient die zur Orientierung der Hand und schafft das auch völlig präzise und vom Sänger fast unbemerkt.

Nun scheint dieses klassische Gesangsmikro ja prinzipiell in Ordnung zu sein – aber, in der realen Welt gibt es, als etwas kostspieligere Varianten, die unübersehbare Menge an Mikros der Mittelklasse. Die habe ich seit Ewigkeiten immer wieder selbst benutzt, teils auch hier in PROSOUND und auch früher im Fachblatt getestet, und: Die waren fast alle richtig gut! Weiter mit „Was-Wäre-Wenn“, also wenn es nur diese beiden Kategorien gäbe, das Basismikro SM58 und seine Nachbauten und die ganzen Mittelklassemikros? Die Antwort spare ich mir.

Trotzdem geht das Spielchen noch weiter, weil vor ca. 10-15 Jahren die dritte Etage dieses Mikrofongebäudes entstanden ist, nämlich die Mikros der Oberklasse, preislich um ca. 500 Euro. Die habe ich alle getestet und war eigentlich jede Mal wirklich begeistert. Da war für mich eigentlich immer die obere Grenze erreicht. Jetzt kommt das DPA d:facto II als Mikro der Spitzenklasse auf den Markt und kostet laut Liste 815,- Euro. Begründet dieses Mikro eine neue Kategorie, ein neues Stockwerk des Mikrofongebäudes? Das werde ich herausfinden.

Vorbemerkung: Um bei diesem Artikel nicht ins Schwimmen zu geraten, sollten Sie sich das Video (besser die Originalaufnahme) des Liedes „A Salty Dog“ von Procol Harum ansehen bzw. anhören und dazu den Text der dritten Strophe vor Augen haben.

DPA – die Firma hinter dem d:facto II

Die Firma DPA ist nicht so groß, wie die bekannten Branchenriesen unter den Mikrofonherstellern. Das allein bedeutet, dass man bei DPA nicht so günstig produzieren kann wie woanders. Kleine Firmen produzieren aber oft an der Grenze zum Manufakturbetrieb. Sie verfügen über alle die technischen und künstlerischen Fähigkeiten des Handwerks und können das auch in das Produkt einfließen lassen.

Hinzu kommt, dass die Fertigung (das habe ich schon am vor mir liegenden Mikro gesehen) so präzise und wertig ist, dass man es nirgendwo anders bauen lassen kann als im eigenen Werk. Somit steht für den Hersteller eine Entscheidung der folgenden Art an:

„Wir bauen dieses Mikro, das wird aber seinen Preis kosten und wir haben nicht allzu viel Spielraum nach unten“. Oder als einzige Alternative: „Wir lassen es sein“. Dann gäbe es dieses Mikro schlicht und einfach nicht. Die Alternative: „Wir können es ja etwas billiger oder gar in Fernost fertigen“ gibt es nicht, weil das Ganze dann seinen Sinn verlieren würde.

Diese Überlegungen seitens DPA stelle ich mir mal so vor und irgendwann wird dort der Entschluss gefasst: „Wir machen es“. Meine diesbezüglichen Überlegungen sind: Hat ein Vocalist durch dieses Mikro so viele Vorteile, dass der Preis dadurch gerechtfertigt ist? Hat der Audio-Dienstleister so viele Vorteile, dass er dieses Mikro in seinen Verleih-Bestand aufnimmt?

DPA d:facto II – das System-Mikro

Die letzte Frage ist schon recht nah an der Praxis. Denn dieses Mikro ist ein System-Mikro, es besteht aus Köpfen und einem Griff. Das Grundprinzip des d:facto-Systems sind die verschiedenen Adapter.

So ist zum Beispiel der Griff, also der Mikrofonkörper, einfach nur der Adapter für ein XLR-Kabel. Der Kopf kann aber an verschiedene Drahtlossysteme angeschlossen werden, die vielleicht bei einem Audio-Dienstleister schon vorhanden sind. Es wird also nur ein Kopf benötigt. Für Details dazu bitte ich bei DPA im Internet nachzusehen und zwar auf den Seiten: http://www.dpamicrophones.com/en/ Microphone-University/adapters.aspx und http://www.dpamicrophones.com/en/ products.aspx?c=Catalog&category=284

Die genauen Hinweise für das d:facto-System sind hier übersichtlich und verständlich formuliert, und besser könnte ich das auch nicht beschreiben und würde mindestens zwei Druckseiten damit unnötigerweise füllen.

In diesem Systemgedanken steckt nun allerdings ein besonderer preislicher Vorteil, weil es keine zusätzlichen Kosten gibt – es wird immer nur der Kopf bestellt. Für den Dienstleister beispielsweise ist das also ein großer Anreiz, den Kunden ohne größere Investitionen ein Drahtlossystem der absoluten Spitzenklasse anbieten zu können.

Davon abgesehen gibt es außerhalb des gewerblichen Bereichs immer wieder Sängerinnen und Sänger, die ein Super-Mikro einfach nur haben wollen, und sich freuen, dass ihr Super-Musikinstrument weniger kostet als z.B. eine einigermaßen vernünftige Gitarre und viel, viel weniger als eine komplette Gitarrenanlage.

Ich gebe zu, dass ich mich zuerst am Preis gestört habe, aber durch die Günstigkeit des Systems ist das alles wieder relativ, einfach, weil das kabelgebundene Hand-Held-Mikro eigentlich nicht der „Trick“ dieses Mikros ist.

DPA d:facto II Äußerlichkeiten

Das DPA d:facto II wirkt auf den ersten Blick wohltuend schlicht, es verzichtet auf alle Auffälligkeiten. Die Oberfläche ist matt ausgeführt, und auch der Kopf unterscheidet sich nicht viel von der Mehrheit der Mikros. Das Mikro hat keine Schalter. Gut! Betrachtet man ein Mikrofon als Musikinstrument, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Optik genau wie bei einer Gitarre eine ganz wichtige Rolle spielt. Nur geht bei Mikros der Trend in Richtung Dezenz, während es bei Gitarren oft in Richtung Effekthascherei geht.

DPA d: facto II mit mitgeliefertem Zubehör
DPA d:facto II mit Tasche, Klemme, Poppschutz und Mini-Koffer

Als ich das DPA d:facto II zum ersten Mal in die Hand genommen habe, habe ich aber sofort eine Auffälligkeit entdeckt, die so unauffällig ist, dass ich jetzt schon Angst habe, dass sie bei Fotografieren des Mikros untergeht: Der Übergang vom Griff zum Kopf ist auf geniale Weise etwas dicker. Hier hat man sofort, ohne dass man darauf achtet, den akustisch korrekten Griff.

Ich habe ausprobiert, das DPA d:facto II mit dem Kopf nach oben so weit unten wie möglich ganz locker anzufassen, so dass es von allein in die Hand rutscht. Ergebnis: Es bleibt immer genau in der richtigen Position stehen, und Daumen und Zeigefinger orientieren sich automatisch so, dass sie genau unter dem Korb bleiben. Das haben bühnentechnische Durchblicker gemacht. Kompliment!

Der Kopf des DPA d:facto II ist außen mit einem kräftigen Stahlgeflecht geschützt, darunter glaube ich noch eine zweite etwas feinmaschigere Lage zu erkennen. Das ist der mechanische Schutz der Kapsel. Der chemische Schutz ist ein innerer Korb aus Edelstahl.

Den inneren Aufbau des Schutzkorbes sollte man vor allen deswegen hervorheben, weil es bei Reinigen des Korbes nicht zu verrutschten Schaumstoffstückchen kommen kann. Das Gewinde zwischen Griff und Korb ist nicht zu fein, da kann einfach auch im Falle von Nervosität nichts passieren. Ich selbst habe schon Mikros mit zu feinen Gewinden gehabt, bei denen man eine halbe Stunde daran herumdoktert, bis das Gewinde endlich packt.

Alles, was ich bis jetzt gesehen habe, ist Mikrofontechnik vom allerfeinsten auf der einen Seite und vom allerkräftigsten auf der anderen Seite. Von DPA habe ich die telefonische Info, dass alle Teile des DPA d:facto II in Dänemark gefertigt werden. Man möchte bei DPA wirklich für jedes noch so kleine Einzelteil selbst verantwortlich sein und verzichtet daher auf möglicherweise billigere Zulieferteile.

Optik und Mechanik des DPA d:facto II überzeugen mich total, aber ich habe bis jetzt auch bei allen anderen hochklassigen Mikrofonen diesbezüglich noch nie etwas zu bemängeln gehabt. Ich meine damit natürlich, dass sich in den Punkten Optik und Mechanik eine perfekte Verarbeitung widerspiegelt.

DPA d:facto II – Betrieb & Sound

DPA d:facto II Mikrofonkopf
Der Mikrofonkopf des DPA d:facto II von innen. Ich habe den Kopf für das Foto in einen blauen Poppschutz gesteckt, damit er nicht herunterfällt. Im Inneren sieht man das feine Gewebe aus Edelstahl. Es ist die innerste Schicht von mehreren, die aussen dem mechanischen Schutz dienen, innen aber hochwirksam gegen Poppgeräusche sind.

Jetzt habe ich das DPA d:facto II erst einmal mit in meinen Proberaum genommen. Hier probiere ich es an zwei grundverschiedenen Monitorboxen aus. Die eine Monitorbox ist von ihrer Abstimmung ein wenig brav und linear, die andere, eine 15″/2″-Box eher mittenbetont. Die zweite Box ist für mich ganz wichtig, wenn ich es mit Mitmusikern zu tun habe, die eher in Richtung „Hammerwerfer“ gehen. Die machen alles dicht und spielen so laut wie es nur geht. Da muss sich der Monitor irgendwie durchsetzen.

Ich gebe zu, wenn man sich eine CD über den 15/2 anhört, ist das nicht so besonders gut, aber bei Live-Geschichten mit Musikern, die ich nicht kannte, hat er mir schon das eine oder andere Mal das Leben gerettet. Warum gehe ich so auf die Monitorboxen ein? Stellen Sie sich mal die Frage: „Wie groß ist die Welt des Sängers?“ Die Welt des Sängers ist genau so groß, wie die Reichweite seines Monitors. Alles andere, also natürlich auch, was unten im Saal ankommt, bekommt der Sänger gar nicht mit. Ich gebe also so viel Saft auf die Monitore, bis ich so langsam an die Feedback-Grenze gelange.

Apropos „Feedback“

Feedback sollte bei einem Mikrofontest immer berücksichtigt werden, aber diesem Phänomen kann man nur mit Vorsicht und Sachkenntnis auf die Schliche kommen. Weil Feedback nämlich nur in den seltensten Fällen eine Eigenschaft des Mikrofons ist. In den allermeisten Fällen wird das Pfeifkonzert von der Raumakustik bzw. von der unglücklichen Aufstellung des Mikros verursacht. Hinzu kommt eine schlechte Handhaltung. Von dem pubertär-coolen mit möglichst beiden Händen Umfassen des Kopfes ganz zu schweigen.

Wenn jetzt in gemäßigter Form diese beiden Fehler einwirken, dann nimmt man oft ein anderes Mikro und vielleicht pfeift es dann weniger. Hat man dann ein im Feedbackverhalten besseres Mikro erwischt? Wohl kaum, man hat vermutlich ein Mikro mit niedrigerer Empfindlichkeit erwischt. Alle Mikrofone sind in Bezug darauf Individualisten. Das eine ist leiser, das andere ist lauter. Gibt man dem leiseren mehr Gain, dann fängt es bei fast genau demselben Pegel an zu pfeifen, wie bei dem ersten.

Die einzige Möglichkeit, zwei oder mehr Mikros bezüglich ihres Feedbackverhaltens miteinander zu vergleichen, ist, eins auf den Mikroständer zu klemmen und hineinzusingen und den Pegel erhöhen. Dann muss man ein anderes Mikro genauso (auf den mm genau!) platzieren und auch auf die Feedbackgrenze einpegeln. Man muss in beide mit ganz kontrollierter Dynamik hineinsingen oder immer gleiche Aufnahmen benutzen. Hat man nun die Pegel der beiden Mikros untereinander ausgeglichen, wird man kaum mehr einen Unterschied im Feedbackverhalten feststellen. Wir haben hier bei PROSOUND ganze Nachmittage mit dieser eher langweiligen Prozedur verbracht und nur eines herausgefunden: Das Mikro spielt bei Feedback die geringste Rolle.

So, wir sind aber hier mit dem d:facto in der Spitzenklasse, und da erwarte ich nun gar keine Überraschung. Da ich die Pegel meiner Mikros inzwischen in- und auswendig kenne, nehme ich das ähnlichste, vergleiche und stelle fest, dass sie sich sehr ähneln. Wer mit dem DPA d:facto II in einem halligen Übungsraum oder mit schlechter Handhaltung arbeitet, wird mit diesem Gerät genau dieselben Schwierigkeiten haben, wie mit jedem anderen auch. Und wenn man in den Foren oder sonst wo immer wieder von dem feedbackärmsten Mikro liest, bitte kein Wort glauben.

Das Feedbackverhalten eines Mikros zu untersuchen ist eine langwierige Angelegenheit und diese Mühe machen die sich die meisten gar nicht. Aber jetzt als Provokation: Trotzdem sind die teuren Spitzenmikros in der Regel auf der Bühne feedbackmäßig besser als die anderen. Warum? Weil sie von erfahrenen Musikern benutzt werden.

Dieser Abschnitt ist ungewollt etwas langatmig geworden, aber ich habe mich über dieses Thema schon so oft geärgert, dass es einfach mal raus musste. Ich finde es schlimm, wenn ein Mikro die Dämlichkeit seines Benutzers ausbaden muss. Noch einmal zur Empfindlichkeit von Mikros, besonders aber von Condensermikros. Alle Mikros haben, wie gesagt, ihre individuelle Empfindlichkeit. Die ist bei dynamischen Mikros recht niedrig aber bei Condensern deutlich höher, weil diese einen eingebauten Vorverstärker haben. Das muss sein, weil die Ausgangsimpedanz der Kapsel enorm hoch ist. Schon vielleicht 1m Kabel an dieser Kapsel und aller Sound ist hin.

Daher eben der Vorverstärkers/Impedanzwandlers direkt an der Kapsel. Die Verstärkung (Gain) dieses Preamps stellt aber der Hersteller so ein, wie es ihm passt, und so sind die Pegelunterschiede bei Condensers besonders groß.

DPA d:facto II – Betrieb & Sound Teil 2

DPA d:facto II Kapsel
Die Kapsel des DPA d:facto II zeigt die in dieser Klasse übliche Feinmechanik. Es gibt nur Drehteile aus Metall, nur ganz wenig Plastik.

Die Empfindlichkeit dieses DPA d:facto II ist etwas höher als der Durchschnitt der mir zur Verfügung stehenden höchstklassigen Bühnengesangsmikros. Als stellvertretendes Mikro für alle nenne ich das Neumann KMS, ein Mikro, dass alle kennen und das seit langer Zeit auf dem Markt ist. An diesem Mikro habe ich im Lauf der Jahre auch alle anderen Spitzenmikros getestet.

Die Handgeräusche des DPA d:facto II sind gut, sie sind erstens nicht laut und zweitens unauffällig. Das habe ich nicht anders erwartet. Das Mikro ist bei der Popp-Festigkeit besser als die meisten anderen, allerdings habe ich bei den Spitzenmikros auch ein diesbezüglich ausgesprochen schlechtes dabei. Feedbackmässig habe ich, siehe oben, keine Probleme. Aber das hat, wie gesagt, nicht so viel mit dem Mikro zu tun, denn erstens stehe ich hier im Testraum korrekt und zweitens passe ich auf.

Ich kann aber auch beim Singen hin- und her wandern und nichts passiert. Ich probiere ein ca. 25 Jahre altes, dynamisches audio-technica aus und habe genauso wenig Probleme. Wie gesagt, ich glaube nicht daran, dass ein anständig konstruiertes Mikro allzuviel Einfluss auf das Feedback hat. Noch einmal: Die messtechnisch erfassbare Empfindlichkeit des DPA d:facto II ist etwas höher als der Durchschnitt meiner Vergleichsmikros.

Aber, der Lautstärkeeindruck ist, subjektiv von mir empfunden, mit Worten wie „mächtig“ „groß“ oder sogar „fett“ charakterisiert worden. Es kommt mir vor, als würde die Stimme einen weiteren, breiteren Raum hinzugewinnen. Das ist aber eine Sache zum Selbst-Erleben, das kann ich nicht wirklich mit Worten beschreiben. Trotzdem ist dieser natürliche Grundsound des DPA d:facto II nur die Spitze des Eisbergs. In Wirklichkeit tut sich hier etwas ganz anderes …

Auf die Spur des Charakters des DPA d:facto II bin ich über den Nahbesprechungseffekt gekommen. Der hat nämlich eine Besonderheit: Erstens wird er von mir subjektiv nicht als Veränderung des Frequenzganges wahrgenommen, also wie Bassanhebung am EQ. Er wirkt hier eher als eine Klangfarbe, die in Richtung weich und warm geht. Zweitens ist er schwächer, als ich es gewohnt bin. Drittens ist er schon bei einer Besprechungsdistanz (Lippen-Mikrofon) von nur einer Fingerbreite praktisch verschwunden.

Das DPA d:facto II und Procul Harum

Daran habe ich mich erst gewöhnen müssen. Ich schildere das mal an einem Lied, in dem ich – ich habe eine Gesangsausbildung und singe seit vielen Jahren in Bands – in einer einzigen Strophe drei verschiedene Stimmen benutze.

Das Lied ist „A Salty Dog“ von Procul Harum, also ein älteres Semester. Video und Text dazu sind schnell im Internet zu finden, aber in einer Live-Version, in der der Sänger die Stimme nicht so intensiv wie ich variiert.

Die dritte Strophe beginnt mit: „We fired the gun and burned the mast“. Das sind starke Worte und die singe ich auch stark und nachdrücklich. Dann kommt: „… and rowed from ship to shore“, was eher ein Eingeständnis einer seemännischen Niederlage ist. Von hier an bis „tears of joy“ singe ich in einer verhaltenen Balladenstimme. Das letzte Wort „joy“ ist erstens die Sexte eines Sextakkordes und beim ersten Mal nicht so leicht zu singen, zweitens wird es hier zum ersten Mal deutlich lauter. Das singe ich auch so und betone es kräftig. Dann kommt „Now many…“ bis „we made“ ist neutral und wie eine Erzählung gesungen. Dann das „land“ und das „a salty dog“. Das ist die dramatische Stelle und die betone ich, indem ich so laut wie ich kann singe und indem ich die Tonart so gelegt habe, dass „salty dog“ hart an der oberen Grenze meiner Range entlangschrammt. Ich würde sogar das „Fis“ noch kriegen, aber ich habe die Tonart so gewählt, dass hier ein „F“ kommt, weil, ich will ja kein zu hohes Risiko eingehen.

So, jetzt ans alte Lieblingsmikro. „We fired“ usw. singe ich mit wenig Nahbesprechungseffekt. Harte Worte, harter Ton. Bei der nächsten Passage lege ich die Unterlippe unten an den Rand des Mikrofonkopfes und singe mit Nahbesprechungseffekt. Bei „joy“ gehe ich weiter weg und bleibe bis zur lautesten Stelle so. Bei „salty dog“ gehe ich gewohnheitsgemäß noch etwas weiter weg.

Diese Arbeitsweise hat beim DPA d:facto II nicht funktioniert. Oder anders gesagt, sie hat wohl auch funktioniert, aber nichts gebracht. Nach etlichen Anläufen, meine mikrofontechnischen Gewohnheiten gewaltsam unterdrückend, habe ich gemerkt, dass ich beim DPA d:facto II alle Entfernungsänderungen Mund-Mikro ganz stark reduzieren kann. Ich singe also zur Übung alles mit definiertem Lippenkontakt (nur Unterlippe) und merke, dass das DPA d: facto II auch bei den lautesten Tönen keine Probleme hat.

Danach mache ich bis auf das schon besprochene „Joy“ und das „salty dog“ mit Nahbesprechungseffekt wie beschrieben weiter und nehme die lauten Töne höchstens 1cm weiter entfernt ab. Das ist schon besser. Jetzt weiß ich, dass sich die gesamte Mikrofontechnik unmittelbar vor dem Kopf abspielt.

Wer gar nichts macht, also einfach die ganze Zeit 1cm vor dem Kopf einsingt, macht auch nicht viel falsch. Aber, mit ein wenig Übung lässt sich zum Beispiel in der erzählenden Zeile „Now many…“ ein wunderbarer Kompromiss zwischen den leisen dunklen und warmen Klangbereichen und den harten, scharfen lauten Tönen finden.

Dies habe ich eigentlich die ganze Zeit nur klanglich ausprobiert. Die Dynamik habe ich zwar kennengelernt, bin aber erst im Laufe eines Nachmittags darauf gekommen, dass hier der Witz des DPA d:facto II liegt. Der dynamische Mittelbereich, zwischen Nahbesprechung und „So-Laut-Wie-Ich-Kann“ ist überhaupt nicht viel leiser als der Nahbesprechungseffekt, klingt aber völlig neutral. Die ganz laute Stelle ist dann aber wirklich lauter und klingt aber auch immer noch neutral.

Genau hier setzt die herkömmliche Mikrofontechnik an. Das Mikro wird analog zur Lautstärke des Sängers vor und zurück verschoben. Ein besonders „geschickter“ Sänger kann somit alles auf 0dB halten. Ist das gut oder schlecht? Bis jetzt habe ich gedacht, dass sei sehr gut, aber im Laufe des Tests kommen Zweifel. Die leise Stelle ist doch nun mal leise, und sie wird, wenn gewollt, mit dem Nahbesprechungseffekt etwas lauter gemacht.

Aber die laute Stelle ist eben laut, und das ist kein Zufall, sondern sie ist laut, weil der Sänger es so will, weil es der musikalische Kontext verlangt und weil bei dieser Lautstärke durch „Entlangschrammen“ an der oberen Grenze der Range die Dramatik betont wird. Das will man doch alles haben!

Sagt der vorsichtige Sänger mit einem Standardmikro: „Wenn ich meine Mikrofontechnik nicht anwende oder auch nur stark reduziere, dann clippt es überall und das Mikro selbst fängt an zu plärren“.

Stimmt für Mikros, die auf einer 40 Jahre alten Konstruktion beruhen. Aber, noch einmal: Der laut gesungene Ton ist nun einmal lauter und soll auch möglichst mit der Originaldynamik wiedergegeben werden.

Allerdings schreibt man heute das Jahr 2015. Wir haben:

  • Mikros wie das DPA d:facto II
  • Bodenmonitore mit Controllern und Headroom
  • Digitalpulte mit Headroom und vielen Controllern
  • Line Arrays mit Headroom –
  • Line Arrays, die fast nie bis an die Grenze ihrer dynamischen Fähigkeiten gefahren werden.

Das bedeutet: Das, was am Mund des Sängers laut ist, kommt auch hinten in der letzten Reihe laut an. Die technischen Möglichkeiten dafür sind vorhanden. Extreme Übertreibungen werden von den Controllern in der Audio-Kette gezähmt und eine gewisse Mikrofontechnik, die aber sehr zurückhaltend von statten gehen sollte, wird man rein instinktiv schon weiterhin anwenden. Aber, prinzipiell gibt es keinen Grund mehr, von vornherein die Dynamik, die Dramatik und damit die Echtheit eines Songs zu zerstören.

Noch ein Wort zum Nahbesprechungseffekt. Wer es manchmal mit unprofessionellen Gitarristen zu tun hat, die nur eine einzige Lautstärke kennen, nämlich volle Kanne, kann mit diesem Mikro, ohne auffällige Klangverfälschung mit Nahbesprechungseffekt singen, egal, bei welcher Gesangslautstärke. Die zusätzliche Wärme und Weichheit geht sowieso im Gitarrengeschraddel unter und das Belting kommt satt und voll heraus.

DPA d:facto II Test-Fazit

Ich bin völlig fasziniert vom DPA d:facto II und würde wahrscheinlich noch so einiges herausfinden, was es mehr kann, als andere Mikros, aber irgendwann muss dieser Test ja auch fertig werden und ich rate jedem Sänger und jeder Sängerin dringend, sich mit diesem Mikro zu befassen.

Am Anfang des Artikels bin ich auf eine Preisdiskussion eingestiegen. Da hatte ich das DPA d:facto II einmal kurz angehört, mich aber noch nicht wirklich damit beschäftigt. Da kam mir der Preis von EUR 815,- doch ein wenig happig vor. Jetzt denke ich anders darüber.

Die Firma DPA muss diesen Preis für das DPA d:facto II nehmen, weil Bau und Entwicklung eben sehr teuer sind, und wir müssen uns an den Preis gewöhnen. Das fällt einem aber nicht so schwer, wenn man, wie ich, herauskriegt, dass das Mikro, so, wie ich es habe, seinen Preis wert ist. Und zwar hundertprozentig. Das, was dann durch die kluge Adaptertechnologie hinzukommt, darf man als Bonus willkommen heißen, aber der Preis des DPA d:facto II schon als Handheld-Mikro ist durch und durch einfach aus sich selbst heraus gerechtfertigt.

Denken Sie daran, zu welchen Preisen gute Studiomikrofone gehandelt werden oder an Gitarristen, die Tausende von Euros für eine Primitivtechnologie aus den 40er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgeben. Dagegen kommen die Sänger mit so einem Mikro eigentlich gut dabei weg.

P.S.: Wer das DPA d:facto II hat, bitte ausprobieren: OASIS, „Stop Crying Your Heart Out“. Der Anfang des Refrains „And all of the Stars“ Das kann man von „And“ bis „Stars“ dynamisch wie eine Rampe hochgehen lassen von ganz samtig bis „Stars“ mit Power. wobei man auch hier die Tonart so legen muss, dass „Stars“ oben an der Stimm-Range anstößt. Sagenhaft.