Moderne (Groß-)Beschallungsanlagen sind heutzutage weit mehr als von Endstufen angetriebene Boxen, die von einem Mischpult angesteuert werden. Es handelt sich vielmehr um komplexe Systeme, die häufig auch in eine digitale Audionetzwerk-Infrastruktur und, bei Großveranstaltungen, auch in übergeordnete Systeme eingebunden sind. Auch die systeminterne Signalverarbeitung moderner Bestellungssysteme ist aufwändiger als sie früher war, auch weil die Rechenleistung moderner digitaler Signalverarbeitungsysteme weit mehr Möglichkeiten auch bei begrenztem Budget anbietet. Auch wenn man sich entscheidet, ein Beschallungssystem aus passiven Lautsprecherkomponenten und separaten Leistungsendstufen bzw. Systemverstärkern mit DSP aufzubauen, um flexibler zu sein, ist es sinnvoll, bestimmte Signalverarbeitungsfunktionen als integralen Bestandteil des Lautsprechersystems aufzufassen und andere als Teil der Anpassung des Beschallungssystem an den Raum. Mit der konventionellen Herangehensweise einer individuellen Programmierung eines DSPs – sei es in die Endstufe integriert oder als separate Komponente – kann das sehr schnell kompliziert und unübersichtlich werden.
Hier kommt der traditionsreiche Hersteller Dynacord bzw. Bosch ins Spiel. Dessen neue Softwareplattform Sonicue bietet zusammen mit den neuen Leistungsendstufen der Serien TGX und IPX, sowie der L- und C-Serie und auch älteren Endstufen-Modelle die mit RCM-28 bestückt sind, die Möglichkeit, komplette Beschallungssysteme auch aus dezentralen Einzelkomponenten so zu konfigurieren, zu verwalten und zu betreiben, dass eine komponentenübergreifende, integrierte Arbeitsweise möglich wird. Diese orientiert sich an den Erfordernissen der Produktion und wird nicht durch die Grenzen der individuellen Benutzeroberflächen zahlreicher Einzelkomponenten unübersichtlich. Wir haben einen Blick auf die neue Sonicue Softwareplattform und eine der neuen Leistungsendstufen geworfen, die TGX 10 aus der Touring-Serie.

Sonicue

Sonicue ist eine Software, die mit den Komponenten einer Beschallungsanlage über ein OMNEO-Netzwerk kommuniziert, um diese zu konfigurieren, zu steuern und zu überwachen.
Das OMNEO-Netzwerk bietet die Möglichkeit der Audioübertragung mit dem Dante-Protokoll und OCA-Steuerbefehle. Die Open Control Architecture (OCA) wiederum ist eine Kommunikationsprotokoll-Architektur zur Steuerung, Überwachung und Verbindungsverwaltung von vernetzten Audio- und Videogeräten in Mediennetzwerken, die
im AES70-Standard der Audio Engineering Society (AES) spezifiziert ist. Sonicue arbeitet also nicht mit proprietären Protokollen, sondern setzt auf internationalen Standards auf.

In der heutigen Zeit, in der auch Beschallungsanlagen unter der Haube vernetzte Mediensysteme sind, ist es natürlich nicht verkehrt, Netzwerk-Grundkenntnisse zu haben. Sonicue hält die Details des Netzwerks aber erst einmal vom Anwender fern, so dass man zumindest bei einfachen Netzwerken auch ohne tiefere Kenntnisse sehr schnell ein Beschallungssystem Konfigurieren und im Betrieb nehmen kann. die Sonicue Benutzeroberfläche ist dabei so organisiert, dass man hierbei systematisch vorgehen kann und so schnell zu einem Ergebnis kommt.

Nach dem Start der Software, die (seit der Version 1.2) unter Windows 10 64Bit läuft, hat man eine Arbeitsoberfläche auf grauem Hintergrund vor sich sowie mehrere Tabs, die in den Kategorien Setup, Tune und Operate gruppiert sind. Das ist fast schon selbsterklärend, und man kann bei der Konfiguration und Inbetriebnahme diese Tabs im Grunde von links nach rechts durcharbeiten, um so zu einem betriebsbereiten System zu kommen.

Letztendlich besteht ein Beschallungssystem aus (System-)Verstärkern und Lautsprechern, wobei die Verstärker in aller Regel mit integrierten DSPs ausgestattet sind. Sie hängen zusammen mit dem Steuerrechner, auf dem Sonicue läuft, in besagtem Mediennetzwerk. das ermöglicht es der Sonicue Software, automatisch zu erkennen, welche Verstärker im Netzwerk vorhanden sind und diese für die Konfiguration der Beschallung Anlage zu nutzen.

Auf der linken Seite der Sonicue Arbeitsfläche befindet sich dementsprechend eine Komponentenpalette, auf der Lautsprecher (Speaker), Verstärker (Amplifier) und im Netzwerk gefundene Systemkomponenten (Discovered) angeboten werden, um daraus ein Beschallungssystem zu konfigurieren. Wenn man erst die Hardware in Betrieb nimmt und alle netzwerkfähigen Komponenten mit dem Netzwerk verbindet, kann man im Prinzip direkt mit den von Sonicue im Netzwerk verbundenen Anlagenkomponenten arbeiten. Nicht immer konfiguriert man ein System, wenn man gerade mit dessen Netzwerk verbunden ist. deshalb gibt’s natürlich auch die Möglichkeit, eine Beschallungsanlage ohne Online-Verbindung mit dem Netzwerk zu konfigurieren und erst später die Zuordnung zwischen den virtuellen Komponenten in der Software und den Real im Netzwerk vorhandenen Geräten vorzunehmen.

In letzterem Fall selektiert man die Verstärker aus der „Amplifier“-Palette und kann die gewünschten Modelle zum Arbeitsbereich hinzufügen. Das grafische Layout, also auch die Platzierung der virtuellen Komponenten auf der Arbeitsfläche, kann sich danach richten, welche Darstellungen man für den späteren Betrieb als übersichtlich empfindet.

Im ersten Schritt platziert man also eine Anzahl von Lautsprechern und Verstärken auf der Arbeitsfläche, arrangiert diese grafisch so, dass man eine übersichtliche Darstellung des Beschallungssystem bekommt und kann benutzerdefinierte Labels für die Komponenten vergeben, so dass man sich später leichter zurechtfindet. Das Ergebnis ist weniger ein Blockschaltbild als vielmehr eine Darstellung, wie man sie auf einem synoptischen Bedienfeld finden könnte, denn beispielsweise werden Verstärker und Lautsprecher hier nicht mit Linien verbunden.

Die Zuordnung von Endstufenkanälen zu Lautsprechern erfolgt im nächsten Schritt. Dazu klickt man einfach zunächst den jeweiligen Endstufe Kanal an und dann die Lautsprecherwege, die man von diesem Endstufekanal antreiben lassen möchte. Bei diesem Vorgang werden gleich die passenden Presets für die jeweiligen Lautsprecherwege mit dem ausgewählten Endstufenkanal verbunden, so dass der Verstärker automatisch die passende Systementzerrung, Leistungslimits et cetera für die jeweils angeschlossenen Lautsprecher benutzt. Auf diese Ebene der, sagen wir, systembezogenen Ansteuerung des Lautsprechers, sollte der Anwender sinnvollerweise keinen Zugriff haben, deshalb passiert diese Zuordnung der passenden Signalaufbereitung zum jeweiligen Lautsprechersystem auch unbemerkt vom User quasi unter der Haube. Dass Sonicue automatisch die zum Lautsprecherweg passenden DSP-Parameter konfiguriert, hat zur Konsequenz, dass man zwar mehrere gleichartige Lautsprecherwege parallel schalten kann, aber beispielsweise nicht den Hochton- und Tieftonweg eines aktiv angesteuerten Zweiweg-Lautsprechers mit ein und demselben Verstärkerkanal antreiben kann. hatte man in der Software zu einem in Stufenkanal den ersten Lautsprecherweg ausgewählt, werden alle andersartigen ausgegraut, und man kann nur diejenigen Lautsprecherwege auswählen, die mit demselben Lautsprecher preset ansteuerbar sind.

Über das Tab “ Input/Routing“ kann man festlegen, über welchen Endstufeneingang der betreffende Verstärkerkanal angesteuert werden soll. Die entsprechenden Kürzel der Eingangskanäle werden auch bei den verbundenen Lautsprecherwegen angezeigt. Sonicue bemerkt hierbei Routing-Fehler und bietet eine Inkonsistenzkorrektur an, z.B. wenn laut Routingmatrix Hochton- und Tieftonweg eines Lautsprechers aus verschiedenen Signalquellen gespeist werden. Bei der Konfiguration des Signal-Routings kann man auch alternative Signalquellen bei Fehlerzuständen definieren, also etwa für den Fall, dass das Dante-Netzwerk ausfällt, automatisch auf analoge Signaleingänge umschalten.

Die Setup Sektion bietet noch weitere Konfigurationsmöglichkeiten an, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, beispielsweise ein einstellbares Power-On-Delay, um mehrere Endstufen in größeren Anlagen sequenziell einzuschalten, die Anpassung des Endstufen-Netzteils an die Kapazität der Netz-Stromversorgung sowie die Prüfung der Firmware-Versionen der angeschlossenen Geräte, um nur einige zu nennen.

Die „Tune“-Sektion der Sonicue Software ist – wie der Name schon sagt – für das System-Tuning, also dafür zuständig, beispielsweise Delayzeiten für ein Bass-Array einzustellen oder ein fertig konfiguriertes Beschallungssystem an die Beschallungsaufgabe anzupassen, also zum Beispiel die Entzerrung so einzustellen, dass sich mit der gegebenen Raumakustik des Veranstaltungsraums auf den Hörflächen die gewünschte Equalisation bzw. Hauskurve ergibt.

Für diese Aufgaben bieten die mit Sonicue kompatiblen Verstärker eine DSP Sektionen mit auf drei vom Zweck der Signalverarbeitung her unterschiedlichen Ebenen oder Layer einstellbaren Signalverarbeitungsfunktionen. Diese drei Ebenen sind „Speaker Processing“, „Array“ und „User“. Auf der Ebene Speaker Processing spielen sich alle Signalverarbeitungsfunktion ab, die für die Systemzerrung eines einzelnen Lautsprechers zuständig sind. Diese Ebene kam schon bei der Konfiguration in Form von Presets für die verschiedenen Lautsprecherkomponenten ins Spiel. Hier wird normalerweise vom Benutzer nichts eingestellt oder verändert.

Auf der Ebene „Array“ spielen sich diejenigen Signalverarbeitungsfunktion ab, die für eine Gruppe von Lautsprechern als Funktionseinheit erforderlich sind. Um beispielsweise mehrere Subwoofer zu einem Bassarray zusammenzustellen, ist je nach Typ des Arrays eine bestimmte Ansteuerung erforderlich, die z.B. Delays zwischen den einzelnen Subbass Lautsprechern oder unterschiedliche Einstellungen der Signalpolarität erfordert. Diese Einstellungen werden auf der Ebene „Array“ vorgenommen.

Die „User“-Ebene schließlich ist für Signalbearbeitungsfunktionen vorgesehen, mit denen die verschiedenen Funktionsgruppen einer Beschallungs-Anlage, beispielsweise Line-Arrays, Bass-Arrays und so weiter, an die (raumakustischen) Gegebenheiten des Aufführungsortes, Vorgaben für die Entzerrung auf den verschiedenen Hörerflächen et cetera angepasst werden.
Diese Trennung der verschiedenen Ebenen hat den Sinn, die Signalverarbeitungsfunktionen für verschiedenen Zwecke bzw. Aufgabenbereiche innerhalb des Beschallungssystem für den Anwender, typischerweise den Systemingenieur, übersichtlich und so auch getrennt für den jeweiligen Aufgabenbereich beeinflussbar zu halten.

In der Sonicue Software konfiguriert man Delays oder EQ-Filter für Gruppen von Lautsprechern einfach dadurch, dass man auf der grafischen Oberfläche mit der Maus die gewünschten Lautsprecher selektiert. Daraufhin öffnet sich automatisch ein Fenster mit den Einstellmöglichkeiten der jeweiligen Signalverarbeitungssektion, also beispielsweise Delay oder parametrischer EQ. Hier können dann direkt die gewünschten Einstellungen direkt vorgenommen werden.

Den Witz bei dieser Arbeitsweise bemerkt man als Anwender übrigens entweder gar nicht oder mit einen gewissen Verzögerung: Man bearbeitet in der Software Lautsprecher oder Gruppen von Lautsprechern und gibt vor, wie diese sich verhalten sollen – zum Beispiel im Bezug auf Entzerrung oder Delay…
Und stellt dann fest, dass man die Endstufen und ihre einzelnen DSP-Kanäle gar nicht mehr anfassen muss. Es kann auch sein, dass sich eine vom Anwender vorgegebene Hauskurve/Gesamtentzerrung über mehrere Lautsprecherwege oder auch mehrere Endstufen erstreckt. Normalerweise würde man da einen DSP oder einen Equalizer brauchen, der auf den Zuspielweg der gesamten Lautsprechergruppe wirkt. Und müsste den irgendwie separat in der DSP-Software konfigurieren.

Das alles ist mit dem Sonicue-Konzept gar nicht notwendig. bei so einer mehrere Lautsprecherwege umfassenden Equalisation oder Delay-Einstellung ermittelt die Sonicue-Software automatisch die Auswirkungen auf jeden einzelnen der beteiligten Lautsprecherwege und konfiguriert die DSPs in den betreffenden Verstärkerkanälen entsprechend der berechneten Erfordernisse.

Sonicue fokussiert sich also auf Lautsprechergruppen und deren gewünschte Arbeitsweise und entlastet den Anwender von der Notwendigkeit, sich um jeden einzelnen DSP in jedem Lautsprecherweg kümmern zu müssen. Da hier vieles automatisch passiert, ist es leichter, Fehler zu vermeiden und den Systemaufbau konsistent zu halten. Das Netzwerk wird hier also nicht nur benutzt, der mit der Systemingenieur komfortabel an jeden einzelnen DSP und jede Endstufe herankommt, sondern es etabliert sozusagen eine übergeordnete Instanz, mit der der Anwender viel komfortabler und übersichtlicher interagieren kann, als wenn er alle Einzelkomponenten im Blick und sozusagen von Hand konsistent halten („einen Sack Flöhe hüten“) müsste.

Mit den Tabs der Kategorie „Operate“ schließlich überwacht man die verschiedenen Lautsprecherwege im Betrieb und kann z.B. auch Lautsprecher(gruppen) muten. Zu den Überwachungsfunktionen gehören natürlich auch die Eingangs- und Ausgangspegel der Endstufenkanäle sowie verschiedene Statusanzeigen. Die TGX/IPX-Endstufen können beispielsweise auch die Lastimpedanz messen und rückmelden, so dass man in der Sonicue Oberfläche sofort sehen kann ob die angeschlossenen Lautsprechersysteme in Ordnung sind. Zu den Statusmeldungen gehören beispielsweise für jeden Endstufenkanal Informationen in Bezug auf Übertemperatur, Gainreduzierung wegen Überlast, Ansprechen der Protections, Kurzschluß und offener Ausgang, Failover-Zustand (z.B. wegen Ausfall des Dante-Netzwerks) und sonstige Fehlerzustände, aber auch Warn- und Statusinformationen über das jeweilige Gerät. Fenster, die sich bei Mausklick auf das jeweilige Item öffnen, z.B. die Pegelanzeige oder die EQ-Einstellung für einen Lautsprecherweg, kann man groß ziehen und auf der Arbeitsoberfläche festheften, um bestimmte Informationen immer im Blick zu haben.

Summa summarum ermöglicht die Sonicue Softwareplattform ein komfortables Arbeiten mit einem Beschallungssystem, etabliert aber insbesondere eine neue Sicht auf das Beschallungssystem als Netzwerk dezentraler Einzelkomponenten, auf die nun mittels einer übergeordneten Instanz komfortabel zugegriffen werden kann.

TGX 10

So interessant die konzeptuelle Neuausrichtung der Sonicue Software auch ist, so gibt es ja auch die neuen Endstufen als Hardwarekomponenten. Für diesen Bericht stand uns eine TGX 10 zur Verfügung – das ist die Touringvariante der neuen Endstufenserie von Dynacord. Auch wenn Live-Sound im Moment wegen der Corona-Krise, um es einmal vorsichtig auszudrücken, leider nicht den üblichen Stellenwert hat, so hat die TGX10 doch alle typischen Eigenschaften einer Sonicue-kompatiblen, OCA-tauglichen Endstufe. Mit der IPX gibt es auch noch eine Installationsversion, die einige zusätzliche Konfigurations-Optionen für die Endstufenausgänge hat, aber ansonsten technisch sehr ähnlich ist. Vielleicht kommen wir auf die Besonderheiten der IPX Serie noch zu einem späteren Zeitpunkt zu sprechen.

Die TGX 10 ist eine Vierkanalendstufe mit technisch identischen Verstärkerkanälen und einer Nennleistung von 4x2500W an 4Ohm. Dazu später mehr.
Wie heutzutage fast durchgehend üblich, hat die TGX 10 ein Schaltnetzteil und bringt daher mit ihrem 2HE-Gehäuse moderate 15kg auf die Waage. Die Endstufe ist mit 51,4cm nur etwas tiefer als breit und passt in alle modernen Racks.

Frontseitig gibt sich die Endstufe extrem aufgeräumt. Man sieht auf den ersten Blick nicht einmal die üblichen Lüftungsöffnungen, sondern nur ein kleines LC-Display – mit Touch Funktion, wie sich herausstellt – sowie einen Inkrementalgeber mit Tastfunktion und mehrfarbigem Leuchtring. des Display zeigt die wichtigsten Informationen über die Endstufe, per Default im Betrieb die Pegelanzeigen und eventuelle Fehlerzustände. Sollte es Warnungen oder ein Problem geben, wechselt die Farbe des Leuchtrings von blau nach orange oder rot. Orange bedeutet hier Warnung, aber kein ernsthaftes Problem – beispielsweise macht die Endstufe damit darauf aufmerksam, das an einem Ausgang keine Last angeschlossen ist. Das ist kein echtes Problem, aber man findet so den Fehler schneller.

Im Prinzip kann man die Basisfunktionen der Endstufe zur Not auch mit diesem Touch-Display und dem Inkrementalgeber bedienen. Gedacht ist es so natürlich nicht. Die Endstufe ist netzwerkfähig und wird typischerweise in Verbindung mit der Sonicue Software eingesetzt, die auch den eingebauten DSP programmiert, Presets in der Endstufe speichert und so weiter.

Die Lüftungsöffnungen gibt es übrigens natürlich doch, sie verbergen sich aber unter einem Metallformteil, dass sich über die gesamte Breite der Endstufe erstreckt. Es öffnet sich nach unten, damit insgesamt drei Lüfter ungehindert Kühlluft ansaugen können.

Die Rückseite ist schon etwas dichter bevölkert. Hier finden sich Netzanschluss in Form eines 32A-tauglichen powerCON-HC-Steckverbinders, Lautsprecherausgänge auf 4polige Speakon (NL4), vier Signaleingänge analog, zwei digital auf XLR sowie vier (analog) bzw. zwei (digital) durchgeschleifte Signalausgänge, ebenfalls auf XLR. Nicht zuletzt gibt es auch zwei Ethercon-Buchsen für die Netzwerkverbindungen.
Auf der Rückseite hat die TGX 10 Lüftergitter für einen Lüfter sowie weitere vergitterte Öffnungen, über die erwärmte Luft das Gehäuse wieder verlassen kann.

Ein Blick ins Gehäuse offenbart ein ziemlich dicht mit Elektronik voll gepacktes Innenleben. Dominant ist fast mittig im Gehäuse ein von vorne bis hinten durchgehender Kühlkörper, der vorne und hinten von jeweils einem Lüfter abgeschlossen wird. Durch diese Anordnung entsteht ein Kühlkanal, in dem bei Bedarf ein starker Luftstrom erzeugt werden kann.
In dem im Foto, also von hinten gesehen, rechten Drittel des Gehäuses ist offenbar die Netzteilsektion der Endstufe untergebracht. Sie wird durch einen Lüfter zwangsgekühlt, der von vorn ansaugt, die kühle Luft durch einen Kühlkörper auf zwei Trafos, Ladeelkos und einen weiteren Kühlkörper bläst, bis sie hinten das Gehäuse durch eine Gitteröffnung verlassen kann. Im Bereich des vorderen Kühlkörpers gibt es eine zusätzliche Luftführung durch eine Abdeckung aus einem flexiblen Kunststoffmaterial, das auf dem Foto durch die Doppelbelichtung, die das Innere zeigen soll, transparent erscheint. Insgesamt scheint mir die Stromversorgung der Endstufe sehr aufwändig aufgebaut zu sein, aber damit steht und fällt ja vermutlich auch die Leistungsfähigkeit des Verstärkers.

Auf der von hinten gesehen linken Seite befindet sich offenbar die Audiosektion der Endstufe, dominant sind hier die Drosseln der Ausgangsfilter der PWM-Endstufen, die ebenfalls durch einen Lüfter zwangsgekühlt werden.

Im Betrieb ist die TGX 10 eigentlich sehr straightforward. Sie hat vier gleichwertige Endstufenkanäle, die Lasten bis hinunter zu einer Nennimpedanz von 2Ohm antreiben können.
In der Praxis werden im PA-Betrieb Lautsprecherwege, die identisch angesteuert werden sollen, typischerweise Line-array-Elemente, parallel geschaltet ist die minimale Nenn-Lastimpedanz der Endstufe erreicht ist. Lautsprecherlasten mit hohen Impedanzen kommen eher nicht vor, deshalb hat die Endstufe keinen schaltbaren Brückenbetrieb, wie man den früher hatte. Generell erfolgt die Konfiguration der Endstufe ja über die Sonicue-Software. Wenn man also aus einem speziellen Grund doch einen Brückenbetrieb will, kann man über Eingangsrouting, Eingangspolarität und Beschaltung der Ausgänge zwei Kanäle problemlos dafür konfigurieren.

Messungen

Ein kurzer Blick ins Datenblatt zeigt, das die Endstufe mit einer Nenn-Leistungsaufnahme von 1200W (1765W bei 1/8 der maximalen Ausgangsleistung bei 4Ohm) aus dem Netz und einer Nenn-Ausgangsleistung von 4x2500W an 4Ohm angegeben ist. Da ist schon klar, dass sich die Angabe der Nenn-Ausgangsleistung nicht auf eine Sinus-Dauerleistung beziehen wird. Das ist aber keine große Überraschung, denn bei modernen Hochleistungsendstufen ist das schon lange der Fall. Eine Endstufe mit einer Sinus-Dauerleistung von 10kW könnte natürlich nur an einem Drehstromanschluss betrieben werden.

Das ist aber auch gar nicht erforderlich, denn eine so hohe Sinus-Dauerleistung wird bei praktisch allen real vorkommenden Anwendungen nicht annähernd erforderlich sein. Der Ansatz bei den meisten Herstellern hochleistungsfähiger Endstufen besteht schon seit vielen Jahren darin, eine Endstufe zu bauen, die sich bei dem in der Praxis vorkommenden Programm-Material so verhält und so klingt wie eine Endstufe mit einer sehr hohen Sinus-Dauerleistung – beispielsweise 4×2,5kW – aber im Mittel eine sehr viel niedrigere Leistung dem Stromnetz entnimmt. Auf diese Weise kann eine solche Endstufe an einer normalen, einphasigen 240V-Stromversorgung betrieben werden.

Die Kunst des Entwicklungsteams besteht nun darin, das Endstufen-Netzteil so auszulegen, dass es kurzfristigen Leistungsbedarf bei Lastspitzen aus der in den Ladeelkos gespeicherten Energie bestreitet und nur für sehr kurze Zeiten Überstrom aus dem Netz ziehen muss.
Die Leitungsschutzschalter, die die Elektroinstallation eines Gebäudes vor Überlastung schützen sollen, haben eine Ansprechcharakteristik, deren Toleranzen genormt sind. Das bedeutet, dass ein Verbraucher kurzzeitig einen deutlich höheren Strom und mithin auch eine höhere Leistung aus dem Netz ziehen können, als es dem Nennstrom des Leitungsschutzschalters entspricht. Bei kurz dauernden Lastspitzen kann die Endstufe die Stromversorgung also zunächst aus den Ladeelkos und dann begrenzt auch mit einem vorübergehenden Überstrom aus dem Netz decken.
Als Anwender will man aber auf jeden Fall das Ansprechen des Leitungsschutzschalters vermeiden, weil dies die Veranstaltung zunächst unterbrechen würde. Schon seit längerem gehen die Hersteller solcher Hochleistungsendstufen also hin und modellieren intern die Ansprechcharakteristik des Leitungsschutzschalters, damit sie bei längeren Lastspitzen die Ausgangsleistung der Endstufe herunterfahren können, bevor der Leitungsschutzschalter auslöst. So macht es auch die TGX 10, wobei man zusätzlich den maximalen Nennstrom der Stromversorgung konfigurieren kann.

Mit diesem Endstufe-Konzept ist eine messtechnische Beurteilung eines solchen Verstärker natürlich schwieriger, weil man nicht mehr einfach die Sinus-Dauerleistung messen kann. Aus diesem Grund führen wir bei den Stufen Tests schon seit sehr vielen Jahren Burst-Messungen durch, bei denen sowohl sehr kurze Lastspitzen als auch länger dauernde Belastungen bis hin zum klassischen Sinusdauerton vorkommen. Gemessen wird die Spitzenspannung, über die (und die rein ohmsche Impedanz des 4x 3,6kW Dummy-Loads) die Ausgangsleistung während des Bursts berechnet werden kann. Dabei wird mit einem Digitaloszilloskop sichergestellt, dass während des Bursts keine Signalverformungen und sonstige Artefakte vorkommen, und auch die Ausgangsspannung zum Ende des Bursts nicht abfällt. Die Spitzenspannung wird mit einem Präzisions-Leistungsmesssgerät vom Typ LMG95 des Herstellers ZES Zimmer gemessen.

Entsprechend der inzwischen weiteren Verbreitung solcher hochleistungsfähigen Endstufen wie der TGX 10 gibt es auch zunehmend Ansätze, die Leistung solcher Endstufen mithilfe von Burstmessungen zu charakterisieren. Dazu gehört auch die Messung der Ausgangsleistung gemäß IHF-A-202, nach der auch die Datenblattspezifikationen der TGX 10 gemessen wurden. Hier wird ein Sinusburst von 20ms Dauer gemessen, auf den eine „Ruhepause“ von 480ms folgt, in der das Signal um 20dB abgesenkt bzw ganz abgeschaltet wird. Gegenüber unseren Burstmessungen werden sich voraussichtlich etwas andere Messwerte ergeben, weil die „Erholzeit“ zwischen den Bursts bei der Messung nach IHF-A-202 länger ist. Die von uns verwendete Burstmessung differenziert noch verschieden lange Bursts, was Hinweise auf die Stromversorgungs-Strategie des Netzteils liefern kann.

Ergänzend messen wir auch mit rosa Rauschen und verschiedenen Crestfaktoren von 10:1, 6:1 und 4:1 und erhöhen den Pegel, bis der Clip-Limiter gerade anspricht. Das LMG95 arbeitet mit einer hohen Abtastfrequenz von 100kHz und kann daher aus dem digitalisierten Ausgangs-Rauschsignal der Endstufe direkt den korrekten Spitzen- und Effektivwert berechnen.

Leistungsdiagramm der TGX10 (siehe Text)

Zu den Ergebnissen: Bei den Burstmessungen schlägt sich die TGX 10 sehr brav. Beim 20% Burst ist das Ergebnis in etwa vergleichbar mit den Datenblattwerten nach IHF-A-202. An 2 Ohm und 4 Ohm Last liegt die Datenblatt-Leistung (nur) ca. ein halbes dB höher als bei unserer Messung, weil nach IHF-A-202 die Erholzeit mit 480ms deutlich länger ist. Bei 8 Ohm Last sind die Ergebnisse gleich. Bei den in unserer Messung auch erfassten kürzeren Impulsen kann die TGX 10 an 2 Ohm noch einmal etwa 20% Leistung zulegen. Letzendlich reden wir da aber über Unterschiede in der Größenordnung um 1dB.

Die Tabelle zeigt die Spitzen- und RMS-Spannungen und Leistungen bei Ansteuerung mit rosa Rauschen und Crest-Faktoren von 10:1, 6:1 und 4:1. Die Spitzenspannung ist die Ausgangsspannung, die der Clip-Limiter noch zulässt. Sie variiert ein wenig in Abhängigkeit von der Lastimpedanz und bewirkt sehr kurzzeitig relativ hohe Spitzenleistungen bei kurzen Impulsen, wie sie im Rauschen vorkommen. RMS-Spannung und Leistung sind die ebenfalls gemessenen RMS-Werte in diesem Betriebszustand.

Bei der Messung mit rosa Rauschen liefert die TGX die in der Tabelle dargestellten Spitzen- und RMS-Leistungen. Beim niedrigsten Crest-Faktor von 4:1 liegen die RMS-Leistungen pro Kanal bei 555,8W (8Ohm), 676,0W (4Ohm) und 541,2W (2Ohm). Die Spitzenleistungen liegen relativ hoch, werden aber durch die Natur des Rauschsignals nur während der sehr kurzen Spitzen erreicht.

Die gemessenen Verzerrungswerte entsprechen ebenfalls den Spezifikationen und liegen bei 0,04% (THD+N). Sie steigen erst kurz vor Einsatz des Clip-Limiters etwas an, z.B. auf 0,14% bei -1dB bezogen auf die maximale Ausgangsleistung.

Alles in allem lässt sich an den gemessenen Leistungswerten nichts aussetzen, sie entsprechen im Rahmen der Unterschiede der verschiedenen Messverfahren den im Datenblatt publizierten Werten. Wesentlich interessanter als die reinen technischen Daten ist meiner Meinung nach der mit Sonicue und der TGX/IPX-Serie umgesetzte Paradigmenwechsel hin zu einer Betrachtung des Beschallungssystems als integriertes, vernetztes Mediensystem.