Im Hans Otto Theater, dem Stadttheater der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam, wird derzeit (noch wenige Termine bis Anfang Juni) das Musical „Rio Reiser. König von Deutschland“ aufgeführt. Im Programm wird die Aufführung als Schauspielmusical bezeichnet – im Ruhrgebiet würde man das, was sich tatsächlich auf der Bühne abspielt, vermutlich eher als Rocktheater bezeichnen. Im besten Sinne übrigens, denn es handelt sich von der Schwerpunktsetzung her eigentlich eher um ein Konzert mit Stücken aus der Feder von Rio Reiser, die von Spielszenen und off-Kommentaren inhaltlich verknüpft und historisch eingeordnet werden. Historisch auch, weil Rio Reiser als Sänger der Band „Ton Steine Scherben“ einen wichtigen Beitrag zur Protestkultur im Berlin der frühen 70er Jahre in der damaligen Bundesrepublik geleistet hat. Entsprechend umspannt auch die Altersbandbreite des Publikums in Potsdam drei Generationen und reicht von Zuschauern, die Anfang der Siebziger Jugendliche oder junge Erwachsene waren bis hin zu Teenagern, die die alten Scherben-Songs offensichtlich kaum, sondern eher die späteren Werke Rio Reisers kennen. Kein Problem, denn offensichtlich gefällt es allen, und am Schluss gibt es noch drei Songs in zwei Zugaben bei Standing Ovations. Wo hat man so etwas bei einem Musical schon mal gehört?

Apropos gehört: Von den Anforderungen an die Beschallungsanlage her handelt es sich hier eindeutig um ein Rockkonzert, von derjenigen an die Sprachverständlichkeit – nicht nur der für die Songtexte, sondern vor allem für die Spielszenen – sowie den Anforderungen an die Präzision der Mittenwiedergabe und die /Impulstreue/zeitlichen Struktur/ um ein Sprechtheaterstück. Sehr anspruchsvoll, also. Diesen Spagat kann man mit der klassischen Hausanlage eines Theaters oft nicht leisten, weil die nicht für lautstärkebetonte Musik mit nennenswerten Bassanteilen ausgelegt ist. Üblicherweise arbeitet man daher mit einer zugemieteten Beschallungsanlage, so auch im vorliegenden Fall des Hans Otto Theaters in Potsdam. Die gleichzeitig hohen Anforderungen an Pegelfestigkeit (im Rahmen der zulässigen Grenzen, natürlich), hohe Transparenz und Sprachverständlichkeit macht die Sache zunächst einmal nicht unbedingt einfacher. Um die Sache nicht zu problemarm zu gestalten, kommt im Fall des Hans Otto Theater erschwerend hinzu, dass die Raumakustik des Theatersaals ebenfalls den einen und den anderen Fallstrick bereithält, speziell wenn es nicht um eine reine Sprachbeschallung geht.

Außenansicht des Hans Otto Theaters mit der muschelförmigen Dachkonstruktion aus Beton und dem verglasten Foyer.
Raumakustik

Architektonisch ist das Hans Otto Theater ein ziemlich spektakuläres Bauwerk, das mit diversen Strukturelementen aus Beton – zum Beispiel mit mehreren auskragenden, relativ dünnen Betondächern, die an Muschelschalen erinnern, sowie viel Glas als Teil der Außenfassade, aber auch der Rückwand des Theatersaals, daherkommt. Grund für das viele Glas ist unter anderem die Lage des Theaters am Ufer des Tiefen Sees in Potsdam, die für eine eindrucksvolle Aussicht sorgt, wenn man beispielsweise aus dem hinteren Theaterfoyer auf den See hinausblickt. Durch die ebenfalls gläserne Rückwand des eigentlichen Theatersaals kann man im Saal auch eine Tageslichtatmosphäre herstellen. Auf der Sollseite steht allerdings, dass die Baumaterialien der Wandflächen – Glas und Beton – keine besonders guten Absorber sind, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Es war also erforderlich, zusätzliche raumakustische Maßnahmen zu ergreifen, um dem Saal die raumakustischen Qualitäten zu verleihen, die für ein Sprechtheater erforderlich sind.

Raumakustische Maßnahmen

Wichtige Maßnahmen sind auf dem Foto des Innenraums gut erkennbar – zum einen die im Kantenbereich zwischen Seitenwand und erster Betondecke eingebrachten Reflektorpanels und zum anderen schallabsorbierende, tief gefaltete Vorhänge an den Seitenwänden und der (im Bild nicht sichtbaren) verglasten Saalrückwand sowie eine Anzahl Lochplattenabsorber.
Die Reflektorpanels sorgen für eine Steuerung von Schallreflexionen von der Bühne ins Publikum. Da der Saal einen fächer- bzw. trapezförmigen Grundriss hat, sind von Haus aus die frühen schalldruckstarken Reflexionen im Publikum nicht so ausgeprägt. Diese Situation wird durch die Reflektoren verbessert.
Die im Ausgangszustand zu geringe effektive Absorptionsfläche wird durch die absorbierenden Einbauten, wie Vorhänge oder Lochplattenabsorber, deutlich erhöht, so dass man in dem für ein Sprechtheater relevanten Bereich Werte für die Nachhallzeit erreicht, mit denen man arbeiten kann. Allerdings wirken die Vorhänge als Breitbandabsorber, die durch ihre „Bau-“ bzw. Faltentiefe eine untere Grenzfrequenz bei ca. 200-300Hz haben, unterhalb derer die Absorption relativ gering ist. Für ein Sprechtheater ist das nicht ganz so problematisch, weil die menschliche Sprache in den Frequenzbereichen darunter ohnehin nicht viel Energie enthält. Bei einer Musicalaufführung mit den akustischen Randbedingungen und Erfordernissen eines Rockkonzertes würde jedoch im Bereich unterhalb von 200 Hz ein echtes Problem entstehen, wenn man die zu erwartenden Effekte nicht von vornherein bei der Auslegung der Beschallungsanlage berücksichtigte, so Marc Eisenschink, Leiter der Tontechnik am Hans Otto Theater.

Auf den Punkt gebracht kann man sagen: Von 200 Hz aufwärts hat man ausreichend Absorption im Saal, und zwar sowohl durch das Publikum, als auch durch die Vorhänge an den Seitenwänden und der Rückwand. Unterhalb dieser Grenzfrequenz ist der Saal aber durch die Begrenzungsflächen aus Beton und Glas akustisch stark reflektierend, wodurch sich im Bass und Tiefmittenbereich ein ausgeprägtes Nachhallfeld aufbauen kann – wenn man nicht darauf achtet, die Beschallungsanlage so auszulegen, dass im kritischen Frequenzbereich nur begrenzt Schallenergie ins Nachhallfeld eingetragen wird. Einfach im Bass leiser machen geht natürlich auch nicht ohne weiteres, weil man ja nach wie vor eine der Inszenierung angepasste, gleichmäßige und ausreichende Versorgung der Publikumsflächen sicherstellen möchte. Die moderne Lösung für die Aufgabenstellung, eine gleichmäßige Versorgung der Hörerfläche sicherzustellen und gleichzeitig einen zu starken Schalleintrag in unerwünschte Raumstrukturen zu vermeiden, besteht darin, sehr definiert abstrahlende Beschallungssysteme zu verwenden. Diese beschallen dann die Nutzflächen, wo idealerweise einen Großteil des Nutzschalls auch gleich absorbiert wird und so keinen Schaden mehr anrichten kann, während unerwünschte Bereiche möglichst wenig angeregt werden.

Beschallungskonzept

Die Produktion „Rio Reiser. König von Deutschland“ benötigte also ein Beschallungskonzept, das erstens die gewünschte Sprachverständlichkeit und Pegelfestigkeit gewährleisten konnte, gleichzeitig aber mit so definiert abstrahlenden Lautsprechern arbeitet, dass sowohl im Bereich oberhalb von 200 Hz, als auch vor allem darunter, eine kontrollierte, an die Raumakustik des Saals angepasste Schallabstrahlung sichergestellt sein würde. Die Abteilung Tontechnik des Hans Otto Theaters unter Leitung von Marc Eisenschink – der übrigens auch Theatermusiker und Komponist ist und in verschiedenen Rollen und als Gitarrist in der Live-Band eine sehr gute Figur machte – erarbeitete mit partieller Beratung durch Holger de Buhr von der Berliner Vertriebsniederlassung des amerikanischen Lautsprecherherstellers VUE Audiotechnik, ein Beschallungskonzept auf der Basis der al-class des Herstellers. Das System wird für die Aufführungen angemietet.

Das Beschallungssystem besteht aus drei skalierbaren Line-Arrays für die klassischen Links-Mitte-Rechts-Portalpositionen, zwei geflogenen Subwoofern und zwei Cardioid-Subwoofer-Arrays am linken und rechten Bühnenrand. Dazu sorgen von der Bühnenvorderkante aus vier kompakte 2×4.5 Lautsprechersysteme dafür, dass auch für die vorderen Sitzreihen die Ortung in Richtung Bühne stabilisiert wird und sich nicht wegen der geflogenen Haupt-Beschallungssysteme nach oben verschiebt.

Oben: Center-Array aus acht al-4, unten eines der Seiten-Arrays aus 4x al-8 und 4x al-4

Die Systeme im Bühnenportal sind drei Line-Arrays aus der al-Class von VUE Audiotechnik. Die beiden Arrays links und rechts bestehen aus je vier Arrayelementen al-8 und al-4, das mittlere Array aus acht Elementen al-4.

Die Typenbezeichnungen beziehen sich auf den Durchmesser des größten Tief- bzw- Tiefmitteltonchassis des jeweiligen Arrayelements. Es gibt in der al-Class drei verschiedene Grund­elemente – al-4, al-8 und al-12 – die Komponenten des sogenannten Scalable Line-Array Systems von VUE Audiotechnik sind. Scalable bedeutet: Alle drei Typen von Arrayelementen verwenden die annähernd gleiche Bestückung und komplett identische Schallführungsgeometrie des Hoch- und (Tief-)Mittenweges, sie unterscheiden sich im Wesentlichen lediglich in der Tiefton- beziehungsweise Low-Mid-Bestückung. Aus diesem Grund können die verschiedenen Arrayelemente in einem Array auch gemischt betrieben werden, wobei die jeweilige Konfiguration den Anforderungen der Anwendung angepasst werden kann. Die Flyhardware ist ebenfalls dafür ausgelegt, Arrays gemischt aus den verschiedenen Typen von Arrayelementen zu bilden.

Im Scalable Line-Array Konzept haben alle Arrayelemente gleiche bzw. sehr ähnliche Mitten- und Hochtonwege und sind daher kombinierbar.

Wozu ist das gut? Bei einem längeren Array beispielsweise laden sich die Tieftonsysteme gegenseitig relativ stark, wodurch es zu einer Überbetonung im Tiefmitten- und Bassbereich kommen kann. Anstelle nun diesen Frequenzbereich um beispielsweise 3dB abzusenken, könnte man auch die Hälfte der Tieftonsysteme weglassen. Bei anderen Line-Array Systemen geht das nicht so einfach, bei der al-Class von VUE Audiotechnik gibt es aber die Möglichkeit, Arrayelemente mit unterschiedlicher Tieftonbestückung in einem Line-Array zu kombinieren. Da die Mitten- und Hochtonwege der verschiedenen Elemente mit ähnlichen Komponenten bestückt sind, kann man kombinieren, ohne dadurch die klangliche Konsistenz oder Phasenlagen über den gesamten Abstrahlbereich des Arrays zu kompromittieren.

Zweites Beispiel: Es ist ein bestimmter vertikaler Abstrahlwinkel des Arrays gewünscht. Im Rahmen der möglichen maximalen Anstellwinkel zwischen den Elementen benötigt man speziell im Hochtonweg eine entsprechende Anzahl von Arrayelementen, damit das vertikale Abstrahlverhalten nicht aufbricht. Im Tieftonweg sind so viele Arrayelemente eventuell gar nicht erforderlich. Daher kann man das gesamte Array so kombinieren, dass in allen Frequenzbereichen jeweils nur die für das gewünschte Abstrahlverhalten notwendige Anzahl von Arrayelementen verwendet werden muss.

Unterm Strich bringt das nicht nur eine bessere Ausnutzung der finanziellen und der Leistungs-Ressourcen, es wirkt sich auch positiv auf Gesamtgröße und -gewicht des Arrays aus – und das ist gerade im Theaterbereich nicht nur bei älteren und womöglich denkmalgeschützten Häusern ein buchstäblich gewichtiges Argument.

Beryllium-Hochtöner

Der Hochtonweg wird bei allen al-Class-Arrayelementen von einem Kompressionstreiber mit Beryllium-Membran angetrieben. So etwas ist in der professionellen Beschallungsbranche durchaus eine Seltenheit, weil man solche Treiber nicht einfach so bei jedem Komponentenanbieter von der Stange kaufen kann.
Tatsächlich ist Beryllium aber von seinen mechanischen Eigenschaften her unter anderem deshalb ein sehr geeignetes Membranmaterial, weil es eine hohe Steifigkeit bezogen auf das Gewicht hat. Das bewirkt unter anderem, dass die Schallgeschwindigkeit in Beryllium etwa doppelt so hoch ist wie in Aluminium oder Titan. Entsprechend sind auch die Wellenlängen im Membranmaterial bei gegebener Frequenz doppelt so groß bzw. umgekehrt die Resonanzfrequenzen bei gegebener Membrangeometrie doppelt so hoch.

Bei Kompressionstreibern ist das interessant und wichtig, weil solche Treiber auf einem normalen CD-Horn in sogenannter „Reibungshemmung“ arbeiten. Das bedeutet, dass die Resonanz der schwingungsfähigen Einheit aus Membran und Schwingspule stark bedämpft ist und den Frequenzgang des Treibers prägt. Bei hohen Frequenzen geht das Ganze in den Bereich der „Massenhemmung“ über. Das bedeutet, dass die Masse des schwingungsfähigen Systems Membran-Schwingspule, oberhalb der „mass breakup frequency“ – ähnlich wie bei einem direktabstrahlenden Konuslautsprecher – das Schwingungsverhalten dominiert. Da der Treiber aber nicht direkt ins Schallfeld, sondern in ein Horn abstrahlt, ergibt sich der Frequenzgang nicht wie im freien Schallfeld, sondern bekommt leider einen Tiefpasscharakter mit einer Flankensteilheit von -6dB/Oktave, was die Nutzbarkeit bei hohen Frequenzen einschränkt.

Treiberhersteller versuchen daher, Oberschwingungen der Treibermembran auszunutzen, um in der obersten Oktave den Frequenzgang des Treibers zu linearisieren, was nicht immer frei von Verzerrungen vonstatten geht.
Mit Beryllium als Membranmaterial passiert all dies nun etwa eine Oktave höher, so dass man im üblichen Nutzfrequenzbereich keine großen Verrenkungen machen muss, um einen linearen Frequenzgang zu erreichen. „Keine großen Verrenkungen machen“ bedeutet in diesem Zusammenhang auch: „keine unnötigen Verzerrungen in Kauf nehmen müssen“ – was wiederum der Wiedergabequalität bei Musik und insbesondere auch bei Sprache sehr zugute kommt.

Mit der Beryllium-Membran spielen sich alle potentiell Verzerrungen erzeugenden Effekte nicht mehr im hörbaren Frequenzbereich ab und werden zum großen Teil vom Antrieb auch gar nicht mehr angeregt, weil sie für die korrekte Funktion des Treibers nicht mehr benötigt werden.

Arrayelemente al-8 (oben) und al-4 (unten) von VUE Audiotechnik

Der (Tief-)Mittenweg wird bei den al-Class-Arrays von 4″-Konuslautsprechern mit Kapton-Membran (Kevlar) übernommen. Sie sind klein genug, um die Randbedingungen für ein funktionierendes Line-Array bis zur Übernahmefrequenz zum Hochtonweg zu erfüllen, und leistungsstark genug, um die erforderlichen Schalldruckpegel zu erzeugen – bei den al-4 Arrayelementen bis hinunter zu 90Hz (-2,5dB). Hier gibt es keinen weiteren Tieftonweg. Bei den al-8 und den al-12 kommen hierfür zusätzlich 8″- bzw. 12″-Konuslautsprecher zum Einsatz und erweitern den Tieftonfrequenzgang bis hinunter zu 75Hz (al-8) bzw. 62Hz (al-12).

Für die al-Class Line-Arrays gibt es drei Subwoofertypen, die mit im Array geflogen werden können, einmal den al-8SB mit 1×18″-Neodym-Chassis und einem Frequenzgang von 36-200Hz, den kompakteren al-4SB mit 2×15″-Neodym-Chassis in Push-Pull-Konfiguration und einem Frequenzgang von 45-200Hz, und den al-12 SB Doppel-18er-Flugbass, der ebenfalls ab 36Hz Dienst tut (alles +-2,5dB ). Die Push-Pull-Konfiguration (Isobaric) bewirkt übrigens, dass sich die Kombination beider Chassis im Endeffekt so verhält wie ein Chassis mit halbem Äquivalentvolumen Vas und ansonsten gleichen Thiele-Small-Parametern, aber doppelter Nenn-Belastbarkeit. Um den Preis des Einsatzes eines weiteren Chassis kann der Lautsprecherhersteller mit dieser Konstruktion letztendlich also eine angestrebte Bassreflexabstimmung mit dem halben Gehäusevolumen erreichen. Das ist natürlich für einen Subwoofer, der im Array mitgeflogen werden soll, idealerweise ohne bei der Performance Kompromisse einzugehen, eine interessante Angelegenheit.

Für die Anwendung im Hans Otto Theater mussten die Subs nicht im Array mit geflogen werden. Es kommen Subwoofer vom Typ al-8SB zum Einsatz, und zwar insgesamt acht – zwei davon geflogen neben dem Center-Array und jeweils drei pro Seite links und rechts der Bühne als Ground-Stack in einer Cardioid-Konfiguration. Um mit einem Subwoofer, der ja als Einzelelement ein Punktstrahler ist, eine gleichmäßige Versorgung auf der ansteigend bestuhlten Hörerfläche zu erzeugen, ist es absolut sinnvoll, ihn oberhalb des Publikums zu fliegen, um in etwa gleiche Abstände zu allen Hörerplätzen zu bekommen. Die Flugpositionen neben dem Center-Array sind also an der Stelle durchaus wichtig. Die beiden Cardioid-Bass-Arrays sind dank eben dieser Cardioid-Konfiguration keine Punktstrahler, sondern strahlen – wie der Name schon sagt– in etwa nierenförmig ab. In einer akustischen Umgebung, die wie zuvor beschrieben, eher wenig Absorption im Bass zu bieten hat, ist das eine sehr sinnvolle Maßnahme. Die tiefen Frequenzen werden auf diese Weise vorwiegend in Richtung Publikum abgestrahlt, gleichzeitig bleibt die Bühne, wovon ich mich während des Soundchecks überzeugen konnte, von tiefen Frequenzen weitestgehend verschont. Gleichzeitig wird durch die gerichtete Bass-Abstrahlung für einen vorgegebenen Zielpegel im Publikum insgesamt weniger Schallleistung benötigt, so dass auch weniger unerwünschte Schallenergie ins Nachhallfeld eingetragen wird. Ebenfalls gelangen auf diese Weise weniger tieffrequente Schallanteile in die offenen Bühnenmikrofone, so dass hier auch keine zusätzliche Verstärkung der in diesem Saal ohnehin kritischen Bassfrequenzen stattfindet. Die hier gewählte Konfiguration sorgt also dafür, dass im Publikum genügend Bass für Rockmusik vorhanden ist, gleichzeitig aber die Gefahr von Mulm und Überbetonung gebannt wird, die durch die Raumakustik des Saals heraufbeschworen wird.

Angetrieben werden die al-Class-Arrays vom VUEDrive Systemverstärker mit Analog, AES/EBU und Dante Option, der mit dem integrierten DSP bei (deutlich) weniger als 1ms Latenz auch alle erforderlichen Systementzerrungen erledigt. Die beiden Scaled-Arrays links und rechts, die aus je vier aktiv getrennten al-8 3-Weg- und vier al-4 2-Weg-Arrayelementen bestehen, werden von insgesamt drei VUEDrive Systemverstärkern angesteuert, das Center-Array aus acht al-4 von einem System-Amp versorgt. Zwei 3er-Stacks aus al-8Sb Single-18″-Subs mit 36Hz unterer Grenzfrequenz in Cardioid-Konfiguration hängen an einem weiteren Systemverstärker, der auch die DSP-Ansteuerung per Preset für den Cardioid-Betrieb übernimmt. Ein weiterer Amp versorgt die vier Stagelip/Nahfeld-Lautsprecher. Insgesamt kommt die komplette Saal-PA also mit 6 Mehrkanal-Digitalsystemverstärkern aus.

Daniel Fuchs (Tontechniker, HOT) am FOH-Platz
FOH und Absorber

Im Theatersaal gibt es zwei Mischplätze, und zwar oberhalb der letzten Sitzreihen links und rechts neben dem mittleren Treppenaufgang. An einem Platz ist die Stage Tec Aurus Konsole untergebracht, die Teil des im Theater installierten digitalen Nexus-Audionetzwerks ist und die Signalverteilung übernimmt. Sie dient auch zur Weitergabe und Überwachung der Funkkanäle und realisiert etwaige Zuspielungen.
Am anderen Platz befindet sich eine Avid SC48 Live-Konsole, die mit zahlreichen Plug-Ins für die Live-Mischung des Rio Reiser Musicals verwendet wird. Sie ist leichter für Gastspiele zu transportieren und alle 122 Cues sind gleich auf dem richtigen Pult, so Marcel Schmidt.
Das Mischen an dieser Position ist wegen der Akustik des Saals nicht ganz unkritisch bzw. eigentlich unmöglich, so Marcel Schmidt, stellvertretender Leiter der Tontechnik. Wie bereits erwähnt, hat der Saal unterhalb von 200-300 Hz wenig effektive Schallabsorptionsfläche, während im Frequenzbereich darüber die Vorhänge fast den gesamten Direktschall absorbieren. Am Mischplatz hört man also im Tieftonbereich den Direktschall von der Portalbeschallung, eine starke Reflexion von der in kurzem Abstand hinter dem Mischplatz gelegenen Saalrückwand (Glas!) nur mit deren Tieftonanteil. Im Frequenzbereich oberhalb von 200-300Hz hört der Toningenieur zwar den Direktschall, die normale Rückwandreflexion ist hier aber fast nicht vorhanden, und aus dem Nachhallfeld kommt bei höheren Frequenzen auch nicht viel. In der Summe bekommt man hier also einen stark verfälschten Höreindruck, selbst wenn der Sound im Saal in Ordnung ist. Darüber hinaus reagiert der Saal wegen der raumakustischen Konstellation im Bassbereich ausgesprochen biestig, so Schmidt. Bei der Einrichtung der Beschallungsanlage für „Rio Reiser. König von Deutschland“ war es also erforderlich, die Tonmischung im Zuge der Probenarbeiten für die Aufführung von einem Mischplatz in der Mitte des Saals aus vorzubereiten und mit dem Wissen und der Hörerfahrung eines Tonmeisters sozusagen die gehörmäßige Transferleistung auf den am endgültigen FOH-Platz gehörten Klangeindruck zu erbringen. Das ist schon eine Herausforderung. Mein persönlicher Höreindruck während einer Aufführung war jedoch der, dass dies in der Praxis sehr gut bis bravourös funktioniert.
Übrigens ergab sich beim Systemtuning mit Smaart, so Marcel Schmidt, dass man bei VUE Audiotechnik auch sehr viel Sorgfalt auf das Thema Phasengang verwendet hat.

Die Expertenteams des Hans-Otto-Theaters (HOT) und VUE Audiotechnik (VUE) beim Ortstermin in Potsdam (v.l.n.r): Frauke Jungbluth (VUE), Daniel Fuchs (Tontechniker, HOT), Marc Eisenschink (Leiter der Tontechnik, HOT), Marcel Schmidt (stellv. Leiter der Tontechnik und FOH-Ingenieur, HOT) und Holger De Buhr (VUE).
Zusammenfassung

Erfolg des ganzen technischen Aufwands ist gerade auch bei Sprache, dass diese sowohl in den Spielszenen, als auch bei den Musikstücken, klar, präzise und druckvoll/durchsetzungsstark bleibt. Da alle Schauspielerinnen und Schauspieler Kopfbügelmikrofone tragen, bleiben alle Nuancen des stimmlichen Ausdrucks erhalten, sowohl bei Gesang, als auch bei Sprache. Man hat auch den Eindruck, dass sich der stimmliche Gestaltungsspielraum der Akteure eher noch erweitert, weil sie höhere Lautstärke nicht unbedingt mit hohem stimmlichem Einsatz erzeugen müssen. Insgesamt entsteht ein Eindruck von Natürlichkeit und Direktheit.
Last but not least wäre zu erwähnen, dass man im Theatersaal bei den Musikstücken den Klangeindruck eines Rockkonzerts hat, das aber tatsächlich auf einem leicht geringeren Pegelniveau stattfindet als üblich, weil ja auch die Abonnement-Gäste zu einer Musiktheatervorstellung kommen und nicht zugedröhnt werden wollen. Messtechnisch ließe sich dieser Unterschied wohl auch erfassen, während der Vorstellung hat man aber trotz des etwas reduzierten Pegels nicht den Eindruck, dass da in irgendeiner Weise Sound „mit angezogener Handbremse“ gemacht würde – ganz im Gegenteil. Ganz offensichtlich haben alle Besucher Spaß und spätestens bei den Zugaben weiß man selbst nicht mehr so genau, ob man nicht doch per Zeitmaschine in ein echtes Scherben-Konzert geraten ist – allerdings mit deutlich besserem Sound als früher. Das ist ohne Frage auch ein Verdienst von Rio Reiser Darsteller Moritz von Treuenfels, aber auch des Gesamtkonzepts, der Live-Band, des musikalischen Leiters Juan Garcia und natürlich des Tontechnik-Teams mit einem gelungenen Beschallungskonzept. Allerletztes Schlusswort : Die Rio-Inszenierung ist seit 1,5 Jahren die erfolgreichste Produktion des Hauses und permanent ausverkauft – geht doch!